Donnerstag, 23. April 2015

Der kleine Drache - Vorgeschichte zum Kinderbuch

Dies ist die Vorgeschichte zu meinem Kinderbuch, das in den nächsten Wochen  erscheinen und „Drachenalarm“ heißen wird. Ich hatte dieses unten stehende Märchen erst geschrieben, nachdem vor 12 Jahren das Kinderbuch „Drachenalarm“ zum ersten Mal unter einem anderen Titel erschienen ist. Das ursprüngliche Märchen ist aber eine längere und völlig eigenständige Geschichte, die ich nur für den Blog an einer Stelle aufhören lasse, an der die Handlung im Kinderbuch erst so richtig beginnt. 


Der kleine Drache
Auszug aus dem Märchen „Karlchen, der kleine Drache“


In einem Land weit fern im Norden liegt ein unwirtlich kahles Tal, das bisher nur von wenigen Menschen unter Lebensgefahr betreten wurde. Kein Baum wächst dort, keine bunte Blume unterbricht und verschönt das eintönige Grau der Steine und Felsen. Nicht einmal der kleinste Grashalm wagt sich zwischen dem Geröll der Talsohle heraus, denn hier hausen in den Höhlen der steilen, zerklüfteten Felswände wilde, feuerspeiende Drachen. Sie lärmen und kämpfen miteinander, dass den wenigen, die dieses Spektakel auch nur von weitem gesehen haben, fast das Blut in den Adern gefror. Überall im Tal schießen die Flammen der drei- und fünfköpfigen abscheulichen Gesellen urplötzlich in die Luft, und ihr wüstes Gebrüll dringt weit über die Berge des Tales hinaus und versetzt die Bewohner der angrenzenden Ländereien in Angst und Schrecken. Sie verschließen dann ihre Türen und Fenster und holen das Vieh von den Weiden, um es in den Ställen, die sie ebenfalls gut verriegeln, in Sicherheit zu bringen.
In dunkler Nacht kommen die Drachen oft und stehlen das Vieh von der Weide. So laut wie diese böse Bande in ihrem unwirtlichen Tal lärmt, so leise können die einzelnen Drachen sein, wenn sie hinausfliegen und sich ein Schaf oder Rind zum Nachtmahl holen.
In diesem trostlos grauen Tal, in dem es nur Steine gibt und unfreundliche Drachen, die sich mit Vorliebe gegenseitig bekämpfen und – man höre es mit Schaudern! – manchmal sogar gegenseitig verspeisen, wurde vor Jahren ein Drache geboren, der anders als die Großen aussah.  Er hatte zur Empörung seiner Mutter nur einen einzigen Kopf und viel zu kleine Flügel. „Einkopf!“, fauchte sie verächtlich – und so wurde er fortan von allen genannt. Die Drachenmutter schämte sich für ihren Sohn, denn alle, die in ihre Höhle kamen, um den neuen Bewohner zu begutachten, spotteten über das hässliche Baby. „Hoho!“, grölten sie und spuckten Feuer, und der kleine Drache zuckte zusammen. Er hatte Angst und bemühte sich, auch ein Flämmchen zu pusten, aber das wollte ihm noch nicht gelingen. „Hoho!“, brüllten die groben Spießgesellen wieder und schlugen mit ihren scheußlichen Schwänzen herum.  Der kleine Drache fürchtete sich immer mehr und duckte sich, um nicht erschlagen zu werden.
Das Leben war hart für ihn. Doch er lernte schnell und ging der ganzen Bande, so gut es ging, aus dem Weg. Im Verborgenen übte er aber fleißig Feuerspucken, und es gelang ihm mit der Zeit auch immer besser. Fliegen allerdings lernte er mit seinen kurzen Flügeln nur schwer. Er konnte sich zwar mühselig in die Luft erheben, ermüdete aber schnell und sackte dann meistens mit einem Plumps auf die Erde hinunter. Wenn ihn seine Artgenossen bei den kläglichen Flugversuchen beobachteten, lachten und spotteten sie nach Drachenart. Sie hätten ihn, den Schwächling, am liebsten gleich gefressen. Doch der kleine Drache entkam ihnen stets und versteckte sich hinter seiner auch nicht gerade freundlichen Mutter.
Einkopf litt beständig Hunger, denn er bekam immer nur den letzten Happen einer Beute, den keiner mehr haben wollte. Drachen denken ja immer nur an sich selbst, das ist so ihre Art. Deshalb blieb er auch schwach und klein. Seine Mutter vertrieb ihn bald, und so war er von nun an auf sich selbst gestellt. Er war traurig, fühlte sich sehr einsam und verließ die kleine Höhle, in der er Unterschlupf gefunden hatte, nur wenn er großen Hunger hatte.
Eines Tages, als die alten großen Drachen ihm wieder nichts von ihrer Beute abgeben wollten und ihn mit ihren fünf Köpfen feuerfauchend vertrieben hatten, beschloss er, sich selbst Futter zu besorgen. Er erhob sich mit seinen Stummelflügeln und schaffte es mit Müh und Not, die steilen Felsen, die das Tal umgaben, zu überfliegen.
Auf der anderen Seite sackte er völlig erschöpft auf die Erde und erholte sich eine Weile mit geschlossenen Augen von der übergroßen Anstrengung. Dann erst blickte er sich um, sah staunend die fremde Landschaft, Bäume und Gras.  Zum ersten Mal in seinem Leben hörte er Vogelgezwitscher und Insektengebrumm. Das alles gab es ja in seinem grauen, steinigen Tal nicht.  Er konnte sich gar nicht satt sehen  und begann aufgeregt herumzuspringen und wie wild mit dem Schwanz zu wirbeln. Dabei aber bemerkte er wieder den nagenden Hunger, und so begann er, nach etwas Fressbarem zu suchen. Nicht weit von ihm entfernt saß ein Tier, das nach einer Mahlzeit aussah. Doch als er ungeschickt näher trapste, rannte es, ängstliche Töne von sich gebend, davon.
Unser kleiner Drache hatte also weiterhin Hunger.
„Ich versuche es mal mit dem hier“, dachte er und begann die Blätter eines Busches abzurupfen. Das schmeckte, wie er fand, nicht einmal schlecht, und er fraß mehr und mehr, bis er satt war.
Zufrieden hockte er sich auf seinen dicken Schwanz und überlegte. Er war satt. Ja, aber was nun? Sollte er wieder zurück über die Berge, von wo er die großen Drachen grölen hörte, oder sollte er einfach hier bleiben?  Hier war es doch schön, viel schöner als dort, von wo er herkam.
Während er so hin und her überlegte, sah er zwei merkwürdige Wesen laut schreiend auf ihn zurennen. Er wusste, dass dies nur Menschen sein konnten, denn er hatte die großen Drachen immer heimlich belauscht, wenn sie über die dummen, kleinen Menschen spotteten. Für ihn jedoch waren sie nicht klein, denn er war ja selbst noch klein. Darum bekam er Angst vor diesen Wesen, die immer näher kamen und von denen einer etwas Langes, Spitzes drohend gegen ihn schwenkte, und rannte davon, so schnell er konnte. Wegzurennen und sich zu verstecken, das hatte er ja bei seinen Artgenossen gelernt. Er lief in den nahen, dunklen Wald und verbarg sich geschickt zwischen Bäumen und Büschen.
Der kleine Drache war wie alle Drachen grün, und deshalb konnten die beiden Männer ihn nicht entdecken. Als sie dicht an ihm vorbei gingen machte er vor Angst die Augen zu. Doch er merkte, dass auch die beiden Menschen Angst vor ihm hatten und deshalb nicht lange nach ihm suchten, sondern bald umkehrten.  Das machte ihn nachdenklich, und er beschloss, die Gegend zu verlassen und weiter zu wandern.
So zog der kleine Drache hinaus in die Welt, die ihm mit jedem Tag besser gefiel.
Er kam nur langsam voran, ernährte sich von Blättern und anderem Grünzeug und ging den Menschen aus dem Weg. Sobald sie in seine Nähe kamen, versteckte er sich zwischen Büschen und Sträuchern oder legte sich platt auf eine Wiese. Er wurde dadurch für die Menschenwesen fast unsichtbar. Als er ein oder zwei Mal nicht aufmerksam war und ihn einige Menschen dabei überraschten, wie  er die Blätter einer dichten Hecke laut schmatzend abfraß, starrten sie ihn zuerst ungläubig an und machten anschließend Jagd auf ihn. Natürlich fanden sie ihn nicht, er war ja ein Meister im Verstecken. Doch er konnte an ihrem aufgeregten Verhalten erkennen, dass auch sie ihn fürchteten, genau wie die, die er nahe seinem Tal im Norden gesehen hatte.
Dass aber auch die Tiere Angst vor ihm hatten, verstand er nicht, und es bereitete ihm großen Kummer. Er tat keiner Fliege etwas zuleide, fraß nur noch Grünzeug, und trotzdem rannten alle vor ihm davon. Sie rannten und sprangen, sausten und flatterten, als ginge es um ihr Leben. Er hätte so gern mit einem anderen Tier gespielt oder geredet, aber jedes Mal, wenn er es versuchte, flüchteten sie vor ihm. So war er auch in der schönen bunten Welt mit all ihren vielen Bewohnern einsam.  Manchmal war er so traurig und müde von seiner langen Wanderung, dass er sich auf seinen Schwanz setzte und große Drachentränen weinte. Er war eben noch ein kleiner Drache. Ein großer hätte niemals geweint.
Was er nicht wusste, war, dass er viel zu laut herumpolterte. Er war das Lärmen, Grölen, Fauchen und Stampfen so gewöhnt, dass er gar nicht auf den Gedanken kam, wie sehr er damit andere Waldbewohner, die obendrein ja auch noch viel kleiner waren als er, erschreckte. Wenn er ging, dann trampelte er wie hundert Elefanten, wenn er weinte, hallte sein lautes „Huuuu, huuuu“ durch den Wald, wenn er schlief, dann schnarchte er dröhnend, und sogar wenn er fraß, geschah dies allzu geräuschvoll. Er schmatzte und katschte und rülpste völlig unmanierlich. Aber es war schließlich nicht seine Schuld, dass er keine bessere Erziehung genossen hatte.
Eines Abends fand er in einem Wald, völlig verborgen hinter dornigem Gestrüpp und Büschen, eine Höhle, deren Eingang fast zugewachsen war. Er zwängte sich hinein und schlief umgehend auf dem Boden ein.  Er war ja so müde!
Am nächsten Morgen begutachtete er die Umgebung und fand sie so angenehm, dass er beschloss, ein paar Tage hier zu bleiben, sich satt zu fressen und gründlich auszuruhen. Doch auch ein müder Drachenjunge kann nicht immer nur schlafen. Und so ging er, wenn er wach war, seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Feuerspucken nach. Er trampelte durch den Wald und sein lautes „Huuu, huuu“, verschreckte auch die mutigsten Tiere. Keines traute sich in seine Nähe.
Als er wieder einmal herzzerreißend heulte und sich vor seinen Tatzen  schon eine kleine Lache aus Drachentränen bildete, geschah etwas ganz Außergewöhnliches. 





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